Lean endet an der Hallentür.

Die acht Verschwendungsarten — und warum fünf davon außerhalb der Fertigung unsichtbar bleiben. 

Jonas Neubauer

Co-Founder & CGO

In fast jedem mittelständischen Unternehmen hängt dasselbe Poster: acht Felder um einen blauen Kreis, und in jedem Feld eine Verschwendungsart — Überproduktion, Bestände, Transport, Bewegung, Wartezeit, Überbearbeitung, Nacharbeit und ungenutztes Talent. 


Das Poster der „8 Arten der Verschwendung“ hat recht, und zwar seit fünfzig Jahren unverändert. 


Und trotzdem: Fragen Sie einmal außerhalb der Produktion nach, wie viel Wartezeit in der vergangenen Woche entstanden ist — in der Auftragsabwicklung, im Einkauf, in der Personalabteilung. Sie werden keine Zahl bekommen, sondern ein Schulterzucken. 


Das ist kein Vorwurf an Ihre Leute, sondern ein Messproblem. 


Taiichi Ohno hatte eine Halle als Messpunkt 


Ohno hat die sieben Verschwendungsarten bei Toyota nicht am Schreibtisch entwickelt, sondern gesehen. Die bekannte Geschichte dazu geht so: Er zeichnete einen Kreis auf den Hallenboden, stellte einen Manager hinein und ließ ihn stundenlang der Produktion zusehen — ohne Ziel, ohne Analyseauftrag, er sollte einfach nur schauen. 


Was er dabei sah, war der Produktionsprozess selbst. Und genau das funktionierte, weil der Prozess sichtbar war. 


Bestände liegen da und lassen sich zählen, man sieht den Stapler fahren, man sieht, wie oft jemand um die Maschine herumläuft, und man sieht das Band stehen. Verschwendung in der Fertigung hat eine physische Form: Sie nimmt Platz weg, sie macht Geräusche, sie steht im Weg. 


Deshalb hat Lean in der Produktion funktioniert. Eine ausgezeichnete Methodik — solange Sichtbarkeit besteht. 


Ihr Auftragsdurchlauf hat keine Halle 


Nehmen Sie nun einen Angebotsprozess, eine Investitionsfreigabe oder das Onboarding eines neuen Mitarbeiters. 


Der Vorgang startet in einem Postfach, wandert ins ERP und wird von dort als Excel exportiert, weil ein Feld im System fehlt. Er geht per Teams-Nachricht an jemanden, der gerade im Urlaub ist, kommt als PDF zurück, wird händisch neu erfasst und liegt anschließend drei Tage in einem Freigabeschritt, den vor sechs Jahren jemand nach einem einzelnen Vorfall eingeführt hat. 


Wo würden Sie Ihren Kreis auf den Boden zeichnen? 


Der Vorgang hat keinen Ort, an dem man stehen könnte. Er ist zu jedem Zeitpunkt in einem anderen System und in einem anderen Kopf, und deshalb können Sie nicht danebenstehen und zusehen. 


Sie können nur fragen — und wer fragt, bekommt die freundliche Version. 


Drei von acht überleben den Umzug ins Büro 


Die acht Verschwendungsarten gelten in der Verwaltung genauso wie in der Fertigung. Messbar sind sie dort aber nicht so einfach, und das liegt nicht an mangelnder Sorgfalt, sondern daran, dass die Spuren fehlen. Drei der acht Arten lassen sich mit etwas Mühe noch greifen. Die anderen fünf entziehen sich jeder Erfassung, obwohl sie in Summe deutlich mehr kosten. 


Was noch halbwegs funktioniert: Bestände lassen sich zählen, solange offene Vorgänge in einem System liegen und dort einen Status haben; sobald sie in einem Postfach oder einer persönlichen Ablage warten, verschwinden sie aus jeder Auswertung. Bewegung ist erfassbar, wo Klickpfade und Systemwechsel protokolliert werden, was in modernen Anwendungen häufiger der Fall ist als vermutet. Und Überproduktion erkennt man an Berichten, die zuverlässig erstellt und ebenso zuverlässig nicht geöffnet werden — die Frage, wer einen Report tatsächlich liest, wird selten gestellt und ist meistens schnell beantwortet. 


Was unsichtbar bleibt: 


Wartezeit. Der Vorgang liegt, aber niemand liegt mit ihm. Alle Beteiligten sind ausgelastet, jeder Einzelne arbeitet zügig, und trotzdem vergehen zwischen Eingang und Abschluss Tage. Die Zeit entsteht nicht in den Menschen, sondern zwischen ihnen — an den Stellen, an denen ein Vorgang darauf wartet, dass der nächste Bearbeiter das nächste Mal seine Liste durchgeht. Weil jede Auslastungsstatistik einzelne Personen betrachtet und nicht die Lücken zwischen ihnen, taucht diese Zeit in keiner Kennzahl auf. Fragen Sie die Beteiligten, und jeder hat recht: Bei ihm lag es nur kurz. 


Transport. Ohno meinte damit das Bewegen von Material; im Büro ist das Gegenstück die Information, die von Hand aus einem System ins nächste getragen wird. Der Datensatz, der auf seinem Weg durch Ihr Unternehmen dreimal neu eingegeben wird, weil zwei Systeme nicht miteinander sprechen, kostet dabei nicht nur die Minuten der Eingabe. Er erzeugt eine zusätzliche Fehlerquelle, eine zusätzliche Abstimmung und eine weitere Stelle, an der der Vorgang liegen bleibt, wenn die zuständige Person nicht da ist. Und weil die Übertragung als normale Sachbearbeitung verbucht wird, gilt sie nicht als Verschwendung, sondern als Arbeit. 


Überbearbeitung. Fast jedes Unternehmen hat mindestens eine Prüfstufe, die nach einem einzelnen Zwischenfall eingeführt wurde und seitdem jeden Vorgang bremst — auch die neunundneunzig von hundert, bei denen es nie ein Risiko gab. Fragen Sie einmal, warum es diese Stufe gibt; meistens weiß es niemand mehr, und genau das ist das Problem. Eine Kontrolle, deren Anlass niemand mehr benennen kann, lässt sich auch von niemandem verantwortungsvoll abschaffen. Sie bleibt, weil ihre Abschaffung ein Risiko wäre und ihr Fortbestehen keines zu sein scheint. 


Nacharbeit. Die Korrekturschleife, die intern längst als „normaler Abstimmungsbedarf“ gilt, steht in keinem Fehlerbericht, weil sie nicht als Fehler zählt. Ein Antrag kommt unvollständig an, es wird nachgefragt, der Vorgang geht zurück und beginnt seinen Weg erneut. Die Rückfrage selbst dauert zwei Minuten, kostet aber den kompletten nächsten Bearbeitungszyklus. Wer nach Fehlerquoten sucht, findet nichts; wer nach Schleifen sucht, findet sie in fast jedem Prozess, der über mehr als zwei Abteilungen läuft. 


Ungenutztes Talent. Die achte Art war übrigens nicht Ohnos, sie kam erst später dazu — und sie ist die teuerste. Gemeint sind nicht unmotivierte Mitarbeitende, sondern qualifizierte Menschen, die einen halben Tag damit verbringen, zu rekonstruieren, was jemand anderes im Haus längst wusste. Sie suchen die letzte Version einer Kalkulation, fragen bei drei Kollegen nach, wie ein Sonderfall zuletzt behandelt wurde, und bauen am Ende etwas neu, das es schon gab. Diese Zeit erscheint in keiner Statistik, weil sie wie Arbeit aussieht — und weil niemand einen Grund hat, sie zu melden. 


Fünf von acht. Nicht kleiner als die anderen drei, aber dafür unsichtbar. 


„Wir wissen doch, wie unsere Prozesse laufen“ 


Machen Sie einen Test, der zehn Minuten dauert. 


Nehmen Sie einen Prozess, der regelmäßig läuft und mehrere Abteilungen berührt, und fragen Sie drei beteiligte Personen unabhängig voneinander, wie er abläuft. Nicht wie er ablaufen soll, sondern wie er abläuft. 


Sie bekommen drei Versionen, und alle drei stimmen — jede für ihren Ausschnitt. 


Niemand hat den ganzen Prozess im Kopf, und das ist keine Nachlässigkeit, sondern das normale Ergebnis von Arbeitsteilung: Jeder kennt seinen Teil gut und die Nachbarteile ungefähr. 


Das Problem daran ist, dass Verschwendung fast nie innerhalb eines Ausschnitts entsteht, sondern an den Übergängen zwischen ihnen — also genau dort, wo niemand hinschaut, weil es niemandes Zuständigkeit ist. 


Was daraus folgt 


Die Antwort ist nicht noch eine Lean-Schulung, denn die Definitionen sind seit fünfzig Jahren klar und Ihre Leute kennen sie. 


Die Antwort ist ein IST-Abbild — kein Qualitätsmanagementhandbuch und kein PDF vom letzten Beratungsprojekt, das am Tag der Freigabe zu altern begann, sondern eine Darstellung dessen, was tatsächlich passiert: mit allen Übergaben, Systembrüchen und Warteschleifen, die niemand aufschreiben wollte. 


Ohno brauchte dafür einen Kreidekreis. In einer Organisation, deren Wertschöpfung durch Postfächer, Systeme und Köpfe läuft, brauchen Sie etwas anderes. 


Wie BLIKS IO diese Verschwendung sichtbar und auswertbar macht 


Genau dafür ist BLIKS IO gebaut, und die Aufnahme ist dabei der kleinere Teil. Prozesse, Rollen, IT-Systeme und Ressourcen werden nicht als Textdokument beschrieben, sondern als verbundenes Modell Ihrer Organisation erfasst — ein digitaler Zwilling, in dem festgehalten ist, wer welchen Schritt mit welchem System bearbeitet und an wen er ihn übergibt. Weil dieses Abbild im laufenden Betrieb weitergepflegt wird und nicht als Projektergebnis abgelegt, verliert es seine Gültigkeit auch nach der ersten Umstrukturierung nicht. 


Der eigentliche Nutzen liegt aber nicht in der Aufnahme, sondern in der Auswertung. Sobald die Verbindungen zwischen Prozessen, Rollen und Systemen vorliegen, lassen sich die fünf unsichtbaren Verschwendungsarten nicht mehr nur vermuten, sondern zählen — und zwar ohne eine einzige Stoppuhr. 


Sichtbar wird zum Beispiel, wie oft ein Vorgang innerhalb eines einzigen Prozesses die Zuständigkeit wechselt, denn jede dieser Übergaben ist eine potenzielle Warteschlange. Sichtbar wird, an welchen Stellen Informationen eine Systemgrenze überschreiten und deshalb von Hand übertragen werden müssen. Sichtbar wird, welche Tätigkeit in vier verschiedenen Prozessen nahezu identisch auftaucht, ohne dass es bisher jemandem aufgefallen wäre. Und sichtbar wird, welche Schritte an genau einer Rolle hängen — also die Stellen, an denen ein Urlaub den gesamten Vorgang anhält. 


Diese Fragen müssen Sie dafür nicht in Workshops rekonstruieren, sondern stellen sie direkt an das Modell. BLIKS Omniscient, ihr KI-Agent, beantwortet sie in normaler Sprache: Welche Prozesse hängen an dieser Rolle? Welches System berührt die meisten Prozessschritte? Wo laufen die meisten Übergaben zusammen? Aus einer Diskussion darüber, wie es wohl sein könnte, wird damit eine Abfrage mit einem Ergebnis. 


Damit verschiebt sich die Reihenfolge Ihrer Arbeit. Sie diskutieren nicht mehr darüber, welche Verschwendung Sie vermuten, sondern entscheiden anhand einer Liste, welche Sie zuerst angehen. Und weil jedes Vorhaben dieselbe Grundlage braucht — ein belastbares Bild davon, wie Ihr Unternehmen tatsächlich arbeitet — legen Sie damit beides auf einmal frei: die Verschwendung von heute und die Voraussetzung für alles, was danach automatisiert werden soll. 


Ohno hätte sich BLIKS IO gewünscht! 

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unseren Newsletter:

BLIKS.IO Illustration Schritt 1 – Datenaufnahme für digitalen Organisationszwilling

BLIKS IO

Operative Realität. Digital Erfasst.

BLIKS.IO Prozesskomponente – modulare KI-Bausteine für die digitale Organisation
BLIKS.IO Illustration Schritt 2 – Prozessmodellierung digitaler Zwilling
BLIKS.IO Illustration Schritt 3 – KI-Analyse und Prozessoptimierung